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Hintergrundartikel
 

Offenheit liegt im Trend

Open Source-Software erobert die Businesswelt. Hohe Kostenersparnis und Unabhängigkeit gepaart mit ausgereiften Produkten und professionellem Support ebnet alternativen Betriebssystemen und Anwendungen den Weg in Unternehmen und öffentliche Verwaltungen.

Evolution oder Revolution. Darüber sind sich die Experten noch nicht einig. Einig sind sie sich jedoch, dass die Bewegung zu offenen und alternativen Softwarelösungen nicht mehr aufzuhalten ist. Mühelos überspringt sie Kontinente und vereint scheinbare Gegner. Die Volksrepublik China, Taiwan, Scotland Yard Police, Bündnis 90/Die Grünen, das deutsche Innenministerium und der Bundestag gehören ebenso dazu wie das Pentagon. Das gemeinsame Ziel: Softwareprodukte einzusetzen, die preiswerte, optimale Lösungen bei größtmöglicher Unabhängigkeit bieten. Großstädte wie München, langjährige Microsoft-Kundin, lassen derzeit für mehrere 100.000 Euro Untersuchungen durchführen, wie ein Umstieg auf unabhängige Alternativen zu schaffen ist, ohne künftig in eine Monopol- und Lizenzfalle zu geraten, wie Oberbürgermeister Christian Ude betont. Auch Innenminister Otto Schily hat das Thema zur Chefsache gemacht. Schon früh verlangten die Grünen in der Hamburger Bürgerschaft Auskunft, wie viele Millionen Mark die Bindung der Hansestadt an einen monopolähnlichen Anbieter kostet. Im Münchner Rathaus zeigte man sich über die Lizenzpolitik von Microsoft empört, die einem Abo-Mietsystem mit jährlicher Zahlung gleicht. Überdies interpretieren die Münchner den Zwang der Online-Registrierung als einen unkontrollierten Zugriff auf ihre internen Daten.

Der Kostendruck zwingt zum Umdenken

Der ganz pragmatische und banale Impuls, der die Staaten, die Stadtverwaltungen und die Wirtschaft zu den offenen Codes drängt, ist der Zwang Kosten zu senken - und zwar nachhaltig, und jenseits möglicher Lizenz- und Abhängigkeitsfallen. Deshalb erhoffen sich nicht nur die öffentlichen Verwaltungen von der Münchner Studie Aufschluss und eine Roadmap für den Umstieg oder die Einbeziehung von Open Source-Lösungen, sondern auch die Wirtschaft. Selbst im Bundestag, wo lediglich die 150 Server auf Linux umgestellt werden, gehen IT-Experten der SPD davon aus, dass das Thema Open Source auch für Desktop-Betriebssysteme und -Applikationen eine offene Option bleibt.

Eine Studie des IT-Spezialisten Cybersource stellt fest, dass Open Source Software am Ende zwei Drittel billiger ist als Microsoft-Produkte. Etwa gleich hoch seien die Ausgaben für Beratung und Implementierung.

Gespannt werden zudem die Ergebnisse einer Studie der MetaGroup erwartet, die derzeit zum Thema Open Source bei mehreren Hundert Anwendern im Unternehmensbereich durchgeführt wird. Die Studie soll Klarheit über den derzeitigen und zukünftigen Einsatzgrad bei Unternehmen in Deutschland bringen. Es soll aufgedeckt werden, in welchen Bereichen alternative Betriebssysteme eingesetzt werden und auf welche Vorteile sie im Gebrauch von Linux bauen. Dann wird sich auch herausstellen, ob die Annahme etlicher Experten zutrifft, dass die deutschen Unternehmen zu den Open Source-Weltmeistern gehören. Erwartet wird von den Meta-Analysten eine Steigerung des Verbreitungsgrades von 25 auf 35 Prozent innerhalb von zwei Jahren.

Die Realität habe die Hypephase längst eingeholt, konstatieren Experten wie Markus Huber-Graul von der MetaGroup. Der ernüchternde Tonfall hat durchaus positive Züge: "Das Open-Source-Thema ist längst aus der idealistischen Tekki-Welt herausgewachsen und bei den CIOs der mittleren und großen Unternehmen angekommen", bestätigt auch sein Kollege Manfred Häring. Gestützt werden diese Aussagen auch von IDC-Forschungsdirektor Scott McLarnon. Nach einer IDC-Untersuchung bei 800 amerikanischen und europäischen IT-Entscheidern sind bereits bei 40 Prozent Linux-Installationen in der Erprobung oder in der Anwendung. Wurden 1999 lediglich drei Prozent in den Linux/Open Source-Bereich investiert, sollen in diesem Jahr die Investitionen schon einen Anteil von neun Prozent erreichen. Besonders positiv sei die Entwicklung im Bereich der kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) betont Markus Andrezak, Software-Architekt bei Cap Gemini Ernst & Young: "Dort laufen schon 70 Prozent der Anwendungen über offene Systeme." Für ihn ist es keine Frage, dass die größeren nachziehen, denn "je größer ein Unternehmen, um so größer die Ersparnis."

Sprach man in den Entscheider-Etagen bislang ungern über Open-Source-Piloten, scheint inzwischen das Eis gebrochen. Der Austausch mit Communities wird gesucht, viele Projekte scheinen besser gelaufen zu sein als erwartet. Erfreut stellen viele IT-Entscheider fest, dass es nicht nur auf allen Ebenen Alternativen zu den bisherigen Lizenzanbietern gibt, sondern dass sie sich auch im Alltagsbetrieb bewähren, wie die österreichische Mineralölkette OMV gegenüber der Computerwoche bestätigte. Gleichzeitig erhofft man sich auch einen härteren und offeneren Wettbewerb zwischen Systemhäusern und Supportern.

Stetiger Umstieg - Service gesichert

Das klingt danach als würde nach dem Hype bei den universitären und studentischen Anwendern jetzt im Businessbereich die große Euphorie stattfinden. Doch statt eines radikalen Schwenks erwarten Experten wie Andrezak, dass trotz der sichtbaren Vorteile, "keiner ohne Not seine laufenden Legacy-Systeme umstellen wird". Aber überall dort, wo künftig neue Systeme auf der grünen Wiese aufgebaut werden oder unterschiedliche Systemumgebungen zusammen geführt werden, bestätigt auch Meta-Mann Huber-Graul, stünden Open-Source-Systeme und Applikationen, die Open-Source unterstützen, in der engeren Wahl. Als typisches und ideales Einstiegsfeld wird die IT-Neuorganisation nach Mergern gesehen. Freilich gehören dazu auch Ersatzbeschaffungen, die nach Schätzungen von Huber-Graul in den kommenden drei bis fünf Jahren einen Marktanteil von über 40 Prozent im Server- und Betriebssystemmarkt zu den Open-Source-Systemen erreichen könnten.

Der Schwenk wurde freilich auch durch große IT-Anbieter wie Sun Microsystems und IBM unterstützt, die massiv in das Open Source-Lager eingeschwenkt sind. Damit sei das Vertrauen da und die zuvor fehlende Investitionssicherheit gegeben, erklärt das Analystenlager von Gartner bis IDC. 2002 könnte beim Thema Open Source schon bald als das Jahr des Übergangs vom Hype zur Nachhaltigkeit gefeiert werden. Parallel dazu entwickeln sich im neuen Open Source-Markt durch die gestiegenen Bedürfnisse der kommerziellen Nutzer auch stabile Geschäftsmodelle für Anbieter und Dienstleister unterschiedlicher Couleur.

Bemerkenswert ist das integrierte Gesamtkonzept des Java-Erfinders Sun, der das Thema Open Source gleich auf mehreren Ebenen und Marktsegmenten skaliert und integriert. Sun sieht deshalb einen strategischen Vorsprung gegenüber Linux-Mitbewerbern wie etwa IBM. Widersprüche, sowohl künftig eine eigene Linux-Linie und zugleich die etablierte Solaris Server- und Betriebssystemreihe aus einer Hand anzubieten, sieht Carsten Müller, Produktmanager bei Sun Deutschland nicht: "Wir bieten vielmehr unseren Kunden die ideale Ergänzung aus einer Hand." Sowohl bei den Betriebssystemen mit Solaris und Linux als auch bei den Office-Applikationen mit StarOffice, das die Plattformen Solaris, Linux und Windows unterstützt. Müller: "Wenn sie so wollen, sind wir eine Open Source-Company. Denn auch bei Solaris liegt der Quellcode offen. Als Sun die Hamburger Star Division übernahm, wurde der Quellcode der Office-Software der Community geschenkt, entstanden ist daraus OpenOffice.org, das mit über 7 Millionen Zeilen Quelltext größte Open Source-Projekt überhaupt. Auf Basis von OpenOffice dürfen aber auch kommerziell verwertbare Produkte entwickelt werden, was Sun zum Beispiel mit StarOffice tut." Dass Open Source eine große Zukunft haben wird, ist sich Müller sicher: "Für den Kunden stellt sich die klare Frage, ob er jährlich immense Lizenzkosten zahlen möchte oder auf kostengünstigere und effiziente Systeme setzen will."

Nicht ideologisch, sondern sachlich entscheiden

Bei der Wahl zwischen Linux und der Sun Betriebssystemumgebung Solaris dürfe man keine ideologische Entscheidung treffen, sondern immer die konkreten Bedürfnisse zugrunde legen. Selbst im Low End-Bereich könne Solaris durchaus mit den Kosten bei Linux mithalten. Für Rechner mit einer CPU ist zudem die Solaris-Lizenz kostenlos. Allerdings überall dort, wo skalierbare Lösungen und eine Hochverfügbarkeit verlangt wird, führe an Solaris kein Weg vorbei. Schon deshalb werde Sun im Interesse der Kunden künftig eine Doppelstrategie fahren und sowohl die Solaris-Schiene konsequent weiter entwickeln als auch das Sun-Linux-Produkt. Mit der eigenen Linux-Linie soll sowohl die Sun-Hardware besser unterstützt als auch eine Qualitätssicherung erreicht werden. Alles aus einer Hand und zugleich offen für die Open Source-Welt ist das Motto. "Linux war für Sun schon immer ein Teil des Unix-Marktes und ein wichtiges Zugpferd bei dessen Ausbau. Linux ist kein Konkurrent, sondern Partner. Deshalb werden wir unsere Produktpalette im Linux-Bereich ausbauen, um ein integriertes Gesamtkonzept auf allen Ebenen zu bieten", betont Anil Gadre, Vice President und General Manager von Sun.

"Unsere Kunden wünschen sich mehr Alternativen zu Windows 2000, weil sie genug haben von den Sicherheitsproblemen, von der hohen Total Cost of Ownership und von der fehlenden Skalierbarkeit. Das Linux-Engagement von IBM stößt bei vielen auf Misstrauen, weil sie die Gefahr einer totalen Vereinnahmung sehen. Wir glauben, dass Sun wichtige Beiträge bei der zukünftigen Entwicklung der Marktbereiche Unix, Linux, Java und XML leisten kann, und setzen uns daher mit allem Nachdruck für offene Standards ein", ergänzt Stephen DeWitt, Vice President und General Manager im Bereich Content Delivery and Edge Computing, "außerdem sind wir davon überzeugt, dass sich Linux ausgezeichnet für Embedded-Systeme und für Edge-Services eignet, einen Marktbereich, der rasch an Bedeutung gewinnt. Daher setzt Sun nicht nur bei der Cobalt-Plattform auf Linux, sondern bietet zukünftig auch Server für den universellen Einsatz mit einem maßgeschneiderten Linux-Betriebssystem an."

Sun setzt auch darauf, dass sich die Linux-Community mit den Communities rund um die Betriebssystemumgebung Solaris und die Java-Technologie ergänzt. So lassen sich Solaris- und Linux-Entwicklungen leicht portieren, was für Anwender und Entwickler gleichermaßen hohe Vorteile bietet: kostengünstige Entwicklung und mehr Vielfalt bei Anwendungen für beide Betriebssysteme. Eigens für die Open Source-Community und Entwickler hat Sun die Website www.sunsource.net eingerichtet.

Open fürs Office und sparen

Open fürs Office ist ein weiteres Motto von Sun, das sich derzeit in den Hitlisten bei amazon.de und .com auf den ersten Plätzen widerspiegelt. Mit ausschlaggebend dürfte der Preis für StarOffice 6 von lediglich 79,99 Euro bei Amazon gegenüber dem Microsoft Office XP-Professional-Paket sein, das bei Amazon für 781,76 Euro angeboten wird - ein Update kostet 369 Euro. Kein Wunder, dass die Gartner Group Unternehmen dringend empfiehlt, Suns Office-Paket zu evaluieren. Mit dem Argument, dass es sich auch durchaus in nicht homogenen Umgebungen einsetzen lässt - also auch mit MS-Office-Welten verbinden lässt. Die Kompatibilität zu Microsoft Office Dokumentformaten sei ähnlich groß wie zwischen unterschiedlichen MS-Office-Versionen heißt es bei Sun. Schon wenige Wochen nach Markteinführung evaluieren bereits Unternehmen mit insgesamt mehr als 1,8 Millionen Mitarbeitern die neueste StarOffice-Generation.

StarOffice kann für sich in Anspruch nehmen eine "grüne" Software zu sein, nachdem der baden-württembergischen Landesvorstand der Grünen auf diese Software umgestiegen ist. Mit auslösend soll gewesen sein, dass mit der bisherigen Office-Software der Deligiertenschlüssel falsch errechnet wurde, was zu einem öffentlichen Debakel führte.

In den vergangenen zwei Jahren registrierte Sun 8 Millionen Downloads des bislang kostenlosen StarOffice-Systems - mehr als 25 Millionen Lizenzen wurden in diesem Zeitraum weltweit verteilt. Die Anwenderzahlen dürften weltweit aber noch deutlich steigen. Sun stattet in China gerade 1000 Universitäten und 35.000 Schulen mit StarOffice-Lizenzen aus, was wiederum eine starke Nachfrage erzeugen dürfte. Gartner prognostiziert einen weltweiten Anteil im Markt der Office-Pakete für Windows bis 2004 von zehn Prozent, was einer Steigerung von über 500 Prozent gleich kommt und sieht in Sun damit die größte Bedrohung für Microsoft und damit das Ende der Monokultur. In Deutschland liegt der Marktanteil von StarOffice bereits seit Jahren über 25 Prozent.

Trotz der kommerziellen StarOffice-Version, die gegenüber dem frei erhältlichen OpenOffice die Adabas Datenbank, Wörterbücher, zusätzliche Grafiken und Schriftarten enthält, unterstützt Sun auch weiterhin das OpenOffice.org-Projekt. Allerdings können Anwender dieser OpenOffice-Produkte nicht auf Support und die Qualitätssicherung durch Sun setzen.

Ende von alles kostenlos

Die Erfahrungen von Sun mit StarOffice zeigen, dass der Alles-Kostenlos-Gedanke dort sein Ende hat, wo sich Software im kommerziellen Einsatz bewähren muss und professioneller Support unabdingbar ist. Allerdings bietet Open Source- gegenüber proprietärer Software einzelner Anbieter deutlich kostensenkende und qualitätssteigernde Vorteile. In der breiten und offenen Entwickler- und Nutzergemeinde erlebt eine Open Source-Software eine stetige Weiterentwicklung, die durch gemeinsame Standardisierungsbestrebungen qualitativ unterstützt wird. Allein in den über zehn Jahren seit der ersten Entwicklung von Linux wird geschätzt, dass in die Weiterentwicklung über 8000 Entwicklerleben eingeflossen sind. Ein Faktor, mit dem Unternehmen nicht mithalten können, die ihre Codes nicht offen legen.

Experten erwarten für Open Source-Software aus diesem Grund lediglich eine moderate Erhöhung der Preise, die aber mit einem Mehr an Qualität und Support einher gehen wird. Künftig werden Preise erwartet, die deutlich unter denen von Anbietern wie Microsoft liegen.
In der Kommerzialisierung der offenen Systeme werden vor allem positive Momente gesehen: Nur mit nachhaltig lebensfähigen Businessmodellen können Dienstleister und Supportanbieter dem Business- aber auch Privatanwender die notwendige Qualität und Sicherheit bieten. Angst vor neuen Monopolen muss der Anwender aber nicht haben, da sich unter Anbietern und Dienstleistern - anders als bei proprietären Systemen - eine offene Wettbewerbssituation entwickeln kann. "Heute werden bei den Anbietern die Open Source-Systeme gekauft, die die fortschrittlichsten, stabilsten und am schnellsten einsetzbaren Systeme bieten", so CGEY-Software-Architekt Andrezak, das bedeute aber noch lange nicht, dass man für immer und ewig dem Anbieter oder Dienstleister verhaftet bleibe. Selbst wenn sich die einzelnen Open Source-Entwicklungen unterscheiden würden, könnten hauseigene IT-Spezialisten oder Dienstleister unproblematisch auf andere Anbieter umschwenken. Für viele CIOs eine verlockende Vision, der sie künftig mit Sicherheit nachgeben dürfen, wenn Neuinvestitionen anstehen. Denn künftig wird es - angesichts der Untersuchungen auf dem jungen Businessfeld - immer mehr verlässliche Grundlagen geben, wie aus den offenen Quellen der beste Nutzen zu ziehen ist.

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